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Online-Mediation mit Juripax (Jonathan Barth, B.A.)

Das Wirtschaftsleben findet zunehmend online statt. Kaufverträge können online geschlossen, „Ehen“ annulliert, Partner gefunden werden. Im Zuge dieser Entwicklung entstehen ebenso Konflikte, wie sie im face-to-face Kontakt anzutreffen sind. Gerade für Konfliktparteien, die bspw. durch große räumliche Distanzen getrennt sind, würde es einen erheblichen Mehraufwand bedeuten, sie für ein synchrones Konfliktlösungsverfahren heranzuziehen. Deswegen stellt sich die Frage, warum man online entstandene Konflikte nicht auf die gleiche Weise lösen sollte, wie sie entstanden sind, nämlich online?

Die Haltung der deutschen Mediationsszene gegenüber Online-Konfliktlösungen kann als skeptisch bezeichnet werden. Dies ist durchaus nachvollziehbar. Schließlich unterscheidet sich das Vorgehen bei einer textbasierten Online-Mediation von einer klassischen face-to-face Mediation. Andererseits kann Skepsis auch wertvolle Ressourcen rauben, die in bestimmten Konfliktlagen einer Lösung sehr zuträglich sein könnten. Ein solcher Fall könnte die onlinebasierte Konfliktlösung sein.

Zudem löst der Internetkonzern eBay die beim Geschäftsverkehr auf der Plattform entstehenden Konflikte bereits erfolgreich mit einem Konfliktlösungssystem. Ein weiterer Vertreter in der noch jungen Branche der Online-Mediationssoftware ist Juripax™. Die Software kam in einem niederländischen Pilotprojekt bei Online-Scheidungsmediationen zum Einsatz, das durch die Universitäten Tilburg und Leuven bewertet wurde. Die Juripax™-Software bietet ein Werkzeug, welches den gesamten Mediationsprozess als textbasiertes Verfahren abbildet (siehe Abbildung 1).


Abbildung 1: Konfliktlösungsprozess mit Juripax™ (Barth)

Kernmodule der Konfliktbearbeitung

Die Software Juripax™ (ca. 4.500 bearbeitete Fälle, Stand Dezember 2011) ist eine textbasierte Mediationssoftware, die komplett mit einem passwortgesichertern Bereich innerhalb der Juripax-Umgebung (Server-Standort Deutschland) arbeitet und nur au thentifizierten Usern zugänglich ist. Eine sichere und vertrauliche Kommunikation wird auf diese Weise sichergestellt. Die Software besteht aus drei Kernmodulen, welche in sich nochmals untergliedert sind. Um im Rahmen dieses Artikels einen Einblick in die Funktionsweise gewähren zu können, werden die drei Kernmodule in der Folge kurz vorgestellt.

1.  Premediation und Intake

Die Anbahnung der Mediation  verläuft entweder klassisch über persönlichen Kontakt, Telefon oder per E-Mail. Hier werden die Konditionen vereinbart und das Verhalten bei technischen Schwierigkeiten abgestimmt. Unverzichtbar ist, dass alle Beteiligten über eine eigene E-Mail-Adresse und über allgemeine Computerbedienungsfähigkeiten  verfügen. Besondere EDV-Kenntnisse sind nicht erforderlich. Das Online-Mediationsverfahren beginnt dann in der Regel über ein „Diskussionsforum“ (siehe Abbildung 2). Von diesem Diskussionsforum  wird  ein – an die Konfliktart angepasster – Intake-Fragebogen versendet, den die Konfliktparteien  ausfüllen  müssen. Das Juripax™ System ist konfliktspezifisch angelegt und bietet  für  jede Konfliktart speziell entwickelte und auf den jeweilige Konflikttypen zugeschnittene Fragebögen, Dokumente, etc. (z. B. Arbeitskonflikte, Scheidung, E-Commerce-Konflikte). Dieser Prozess dient zum einen der Informationsbeschaffung seitens des Mediators. Zum anderen sind die Konfliktparteien gezwungen, sich bei der Beantwortung der Fragebögen mit dem Konflikt zu beschäftigen.


Abbildung 2: Online-Mediationsfalleröffnung mit Juripax™

Nach Beantwortung der Fragebögen durch die Konfliktparteien erhält der Mediator eine Übersicht der Fragebögen und eine Auswertung zu Übereinstimmungen und Unterschiedlichkeiten der Antworten. Die Fragebögen dienen dem Online-Konfliktvermittler als Grundlage für die folgenden Diskussionsforen. Die Konfliktparteien haben hierbei unterschiedliche Ansichten. Sie können nur ihre eigenen Angaben sehen. Die Angaben des Konfliktpartners sind nur ersichtlich, wenn der Online-Konfliktvermittler diese auf „sichtbar“ stellt (siehe Abbildung 3). Der Online-Konfliktvermittler verfügt also über ein Informationspotenzial, welches er gezielt, aber auch mit größter Vorsicht anwenden kann.


Abbildung 3: Beispielansicht des Mediators

2.  Diskussionsforum

In dieser Phase beginnt die aktive Vermittlungstätigkeit des Online-Mediators, die der Interessensphase in der face-to-face-Mediation entspricht. Er eröffnet in Absprache mit den Konfliktparteien neue Diskussionsforen zu den einzelnen Konfliktthemen, die sich aus den Fragebögen herauskristallisiert haben (siehe Abbildung 4). Der Vorteil der textbasierten Diskussionsforen sind die reflektierten Statements und Einlassungen der Konfliktparteien, da die komplette Kommunikation schriftlich stattfindet. Somit kommt es seltener zu hochemotionalen Aussagen „aus dem Bauch heraus“, die oft verletzend wirken. Dies hat eine rationalere Konfliktbearbeitung zur Folge, die für das Konfliktlösungsverfahren eine wertvolle Ressource sein kann. Nähert man sich in einem der Diskussionsforen einer Lösung, so erfolgt der Übergang in das dritte Modul der Juripax™-Software, das Vereinbarungsmodul.


Abbildung 4: Beispiel Diskussionsforum

3.  Vereinbarung

Dieses Modul stellt ein Vereinbarungseditionswerkzeug zur Verfügung, in dem grobe Vereinbarungen festgelegt werden können, die dann wechselseitig von den Parteien modifiziert werden. Dabei kann so lange verhandelt werden, bis eine – für alle Seiten vertretbare – Lösung erarbeitet wurde. Änderungen können dabei stets nachverfolgt werden und sind farbig gekennzeichnet, sodass eine völlige Prozesstransparenz gewährleistet  ist (siehe Abbildung 5). Die finale Vereinbarung kann, falls gewünscht, auch digital unterschrieben werden und stellt durch die Abgabe der beiderseitigen Willenserklärungen einen Vertragsabschluss dar. Durch die Möglichkeit, Dokumente aus dem Prozess zu exportieren, können zustande gekommene Vereinbarungen auch auf die klassische Art und Weise unterschrieben werden.


Abbildung 5: Beispiel Vereinbarungsmodul der Software Juripax™

Textbausteine und Fall-Administration

Der gesamte Mediationsprozess kann darüber hinaus durch Textbausteine noch effizienter gestaltet werden. Das heißt, der Online-Mediator kann sein Vorgehen an passenden Stellen standardisieren bzw. zwischen verschiedenen Formulierungen wählen, die er zuvor selbst verfasst hat. Dabei kann der Mediator auf sämtliche, im Fall hinterlegte Daten (Informationen aus Fragebögen) zurückgreifen und somit seine Kommunikation mit den Konfliktparteien individualisieren, ohne zu viel Zeit mit dem Verfassen von Texten zu verbringen.

Die Juripax ™-Software bietet zudem neue Möglichkeiten für größere Organisationen, die eine Vielzahl von Mediatoren beschäftigen und somit einen Bedarf für Fallmanager haben. Diese können Juripax™ ebenfalls problemlos nutzen, in dem sie Fälle aufnehmen, Mediatoren zuweisen und sie den Konfliktlösungsfortschritt „monitoren“ können.

Der vorliegende Artikel kann nur einen kurzen Überblick in die Funktionsweise gewähren. Dass das Programm den Ansprüchen einer Mediation gerecht wird und somit funktioniert, konnte bereits anhand von verschiedenen wissenschaftlichen  Studien gezeigt werden. So kam sie unter anderem in einem Pilotprojekt des niederländischen „Rats für Rechtsbeistand“ im Bereich von Online-Scheidungsmediationen mit 80 Fällen zum Einsatz. Anschließend wurde der Pilot durch die Universitäten Tilburg und Leuven wissenschaftlich ausgewertet.

Zentrale Forschungsergebnisse

  • In 74 % aller Fälle wurde eine abschließende Vereinbarung getroffen, 16 % erreichten eine partielle Einigung.
  • 88 % der Medianden waren mit dem Mediationsverfahren zufrieden (73 % waren sehr zufrieden bis extrem zufrieden).
  • 81 % der Medianden gaben an, diese Methode in Zukunft wieder verwenden zu wollen.
  • 90 % der Medianden waren zufrieden mit ihrem Mediator (78 % waren sehr zufrieden bis extrem zufrieden).
  • Ortsunabhängigkeit: Kosten- und Zeitersparnis;
  • Parteien entscheiden selbst, wann und wo sie teilnehmen möchten;
  • Verbleib der Medianden im gewohnten Umfeld („Heimspiel“);
  • Keine emotionale Konfrontation durch die physische Präsenz der anderen Partei;
  • Balance von Machtungleichgewichten;
  • Klare Strukturierung und einfache Dokumentation ohne Medienbruch;
  • Steigerung der Effektivität durch bessere Vorbereitung und Reflexion;
  • Durch „Anonymität“ fühlt man sich freier, Anliegen mitzuteilen.

(Studienergebnisse der Universitäten Tilburg und Leuven im Rahmen der wissenschaftlichen Untersuchung des Testpiloten des niederländischen „Rats für Rechtsbeistand“)

Dem Umstand zum Trotze, dass in der genannten Studie ein hochemotionales Thema wie die Schei dung untersucht wurde, konnten sehr gute Zufrie denheitswerte der Medianden erreicht werden. Als Erklärungsansatz kann bspw. der Verzicht auf die direkte Konfrontation mit dem Konfliktgegner angeführt werden und die daraus folgende entspanntere Atmosphäre während der Mediation, verglichen mit einer mitunter schmerzhaften direkten Konversation.

Fazit

Die Online Mediation  mit Juripax™ bietet bei bestimmten  Fallkonstellationen mitunter Vorteile und kann ein wertvolles Werkzeug zur Konfliktlösung sein. Ebenso möglich sind „Hybrid-Mediationen“, bei denen Teile des Konfliktlösungsverfahrens online und andere offline stattfinden.

Es bleibt festzustellen, dass die Software kein All heilmittel ist und der Mediator eine gewisse Einarbeitungszeit in die Software benötigt. Online-Mediation als unpraktikabel abzutun, sollte jedoch in Anbetracht der vorgestellten Studie schwer fallen. Wie bereits eingangs erwähnt, löst eBay zudem die beim Ge schäftsverkehr auf der Plattform entstehenden Konflikte bereits mit einem ähnlich funktionierenden Konfliktlösungssystem. Ob die Online-Konfliktvermittlung jedoch für jeden Mediator das richtige Werkzeug ist, mit dem er vermag umzugehen, muss jeder für sich selbst herausfinden.

Über den Autor

Jonathan Barth Jonathan Barth, B.A., hat an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig „Internationales Management“ studiert. Er war als Projektmanager für das „Steinbeis- Beratungszentrum Wirtschaftsmediation“ an dem von der Europäischen Kommission geförderten Projekt „Online-Mediation in Cross Border Disputes“ beteiligt. Jonathan Barth beschäftigt sich mit Fragen des strategischen Managements und interkulturellen Themenstellungen im Personalund Dienstleistungsbereich.