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Mediation bei hochstrittigen Parteien - geht das? (Heiner Krabbe)

Die herrschende Meinung in der Mediations-Literatur sagt, dass ab einer bestimmten Eskalationsstufe eine Mediation nicht mehr möglich sei. In einem gewissen Sinne stimmt diese Aussage: eine Konfliktlösung mit den herkömmlichen Werkzeugen der Mediation (Prozessstufen, Methoden, Techniken) ist bei hochstrittigen Parteien nur sehr eingeschränkt möglich. Verfügt der Mediator jedoch über besonderes psychologisches Hintergrundwissen, stellt er seine Haltung auf die Konfliktparteien entsprechend ein und das Setting der Mediation entsprechend um, gibt es durchaus die Chance zu einer erfolgreichen Mediation mit diesen Parteien.

Hintergrundwissen

Der Begriff „hochstrittig“ ist eine beschreibende Kategorie. Er hat keine diagnostische Aussagekraft, sondern gibt dem Mediator einen ersten Hinweis, dass sich die Parteien auf einer höheren Eskalationsstufe befinden. Merkmale für Hochstrittigkeit könnten sein:

  • wiederholte Gerichtspräsenz,
  • wechselseitige unbewiesene Beschuldigungen,
  • Einbezug anderer Personen in den Konflikt und / oder
  • Androhung von verbaler und physischer Gewalt.

Es gibt keine umfassende Theorie darüber, warum Parteien hochstrittig werden, sich hochstrittig verhalten. Allen Erklärungsansätzen ist gemeinsam, dass sie bei hochstrittigen Parteien Mechanismen beobachten, die dafür sorgen, dass der Konflikt bei ihnen erhalten bleibt, ja erhalten bleiben soll. Die offen ausgetragenen Konflikte dienen dazu, weitere Konflikte der Parteien, seien sie innere, zwischenmenschliche oder soziale, zu verdecken. Durch die Konflikt-Inszenierung schützen sich die Parteien somit vor ungleich schwierigeren Aufgaben und Konflikten. Diese Konflikterhaltungsmechanismen können auf verschiedenen Ebenen wirken: auf der intrapsychischen, der interpsychischen und der sozialen Ebene.

Auf der individuellen, intrapsychischen Ebene führen persönliche Krisen einer oder beider Parteien zu hochstrittigem Agieren. Diese Parteien befinden sich in einer unerträglichen psychischen Situation, in der vielfältige unbewusste Abwehrmechanismen mobilisiert werden müssen, um ansatzweise wieder ein psychisches Gleichgewicht zu erhalten. Persönliche Krisen treten in der Mediation oft in zwei Formen auf, in narzistischer oder in traumatischer Form.

Bei einer narzistischen Krise ist der Selbstwert der Person betroffen. Dieser wird in doppelter Weise reguliert. Nach außen (bewusst), wird ein positives, bewundernswertes Selbstbild bis zur Grandiosität inszeniert. Nach innen (unbewusst) wird ein negatives, beschämendes Selbstbild mit massiven Selbstzweifeln verborgen. Hinter einer grandiosen Fassade verbirgt sich somit Hilflosigkeit, Angst, Scham. Bei einer traumatischen Krise befindet sich die Partei in einer massiven überforderung. Statt die gegenwärtige Situation gestalten zu können, ist diese Person nur noch in der Lage, diese zu überleben. Die gegenwärtige Situation ist bei dieser Partei durch alte, verdrängte Traumata geprägt; die frühere Erfahrung wird als gegenwärtig erlebt. Es ist daher für diese Person nur begrenzt möglich, die gegenwärtige Situation zu gestalten und zu ändern.

Auf der zwischenmenschlichen, interpsychischen Ebene hat sich zwischen den Parteien ein festes Konfliktmuster etabliert, bei dem sich die Parteien gegenseitige Anschuldigungen machen. Die Probleme werden von jeder Seite auf die jeweils andere Seite verlagert. Aus dieser Sicht erscheint es für jede Partei berechtigt, von der jeweils anderen Seite die Lösung des Problems zu verlangen. Durch diese wechselseitige Verlagerung der Verantwortlichkeit auf die jeweils andere Seite hat sich ein Muster von Verantwortungslosigkeit etabliert. Die andere Seite wird verantwortlich gemacht, die eigene Verantwortung bei der Konfliktlösung wird nicht mehr gesehen. In dieser Konfliktdynamik werden zudem auf der sozialen Ebene weitere Personen einbezogen. Hierzu zählt die Herkunftsfamilie, der Freundeskreis, weitere professionelle Helfer. Sie werden Teil dieser Dynamik und agieren entsprechend eigenständig im Konflikt.

Professionelle Gestaltung der Mediationspraxis bei hochstrittigen Parteien

Eine Mediation kann bei diesem Klientel nur gelingen, wenn der Mediator sich die Ausgangslage bei den Parteien verdeutlicht: Es ist erst einmal nicht in deren Interesse, dass der Konflikt zu Ende gehen darf. Das hat erhebliche Auswirkungen auf die Arbeit des Mediators. Er muss sich zum einen seiner Haltung zur Konfliktinszenierung der Parteien sowie den dabei auftretenden Mechanismen bewusst werden. Seine Haltung den Parteien gegenüber hat instrumentellen Charakter. Die Haltung ist geprägt durch folgende Merkmale:

  1. Der Mediator gibt den Parteien einen Ort für ihre Konfliktinszenierungen.
  2. Der Mediator zeigt Respekt für jede Partei; dies bedeutet Respekt für die Person, nicht für das,
    was sie sagt oder tut.
  3. Der Mediator übernimmt die Gesprächs- und Prozessführung, ohne autoritär aufzutreten.

Zum anderen bedarf es im Sinne der Mediation eines reflektierten Umgangs sowohl mit den Mediations-Methoden und -Techniken als auch mit eigenen Grenzen dieser Werkzeuge.

Auf der intrapsychischen Ebene ist der Beziehungsaufbau des Mediators zu den Parteien in narzistischer oder traumatischer Krise von zentraler Bedeutung. Der Beziehungsaufbau ist geprägt von der Haltung des Mediators. So bemüht er sich, den Parteien zunächst einen Ort für ihre Konfliktinszenierung zu geben. Darüber hinaus zeigt er jeder Seite gegenüber Respekt und Wertschätzung. Schließlich sollte er verdeutlichen, dass er die Verantwortung für den Gesprächsverlauf in der Mediation übernimmt, sodass die Parteien die Sicherheit bekommen, im Gesprächsverlauf gehalten und stabilisiert zu werden. Dabei ist der Beziehungsaufbau zwischen den Beteiligten der Mediation von gleicher Augenhöhe geprägt. Zusätzlich sollte sich der Mediator stets auf die gegenwärtige Realität des gerade stattfindenden Mediationsgespräches beziehen, statt weiteren Inszenierungen Raum zu geben. Schließlich sollte der Gesprächsprozess insgesamt entschleunigt werden. Statt eilig erarbeiteter oder langfristig geltender Regelungen sollten kurzfristige, begrenzte Schritte vereinbart werden, um den Parteien wieder das Gefühl zu geben, dass sie gestalten können, Erfolge erleben.

Auf der interpsychischen Ebene versucht der Mediator das feste Muster gegenseitiger Beschuldigungen zu lockern. Der Mediator unterstützt jede Partei im Sinne einer Selbstbehauptung darin, auf die eigene Seite zu schauen und zu erforschen, welche eigenen Themen, Interessen, Optionen, Gerechtigkeitsvorstellungen, Verhandlungsangebote sie hat. Der Mediator unterstützt auf diese Weise jede Seite darin, die Aufmerksamkeit auf den eigenen Anteil am Konfliktgeschehen zu verlagern, die eigene Verantwortung für eine Veränderung zu übernehmen. Erst nach Etablierung der Selbstbehauptung kann er jede Seite bitten, sich auch mit den Anliegen der anderen Seite zu beschäftigen, um wechselseitig getragene Vereinbarungen erzielen zu können.

Die soziale Konfliktebene spielt insbesondere bei der Gestaltung des Settings der Mediation eine große Rolle. Hier kann der Mediator die Herkunftsfamilie, den Freundeskreis oder weitere professionelle Helfer dadurch in den Mediationsprozess einbinden, dass sie die Rolle von Unterstützern bzw. Ratgebern ihrer Partei übernehmen und an bestimmten vom Mediator festgelegten Zeitpunkten der Mediation zu Wort kommen. Auf diese Weise kann die soziale Ebene an den Veränderungen durch den Mediationsprozess teilhaben ohne ihn zu dominieren.

Neben diesen Besonderheiten auf den jeweiligen Konfliktebenen sollte der Mediator das Handwerkszeug des normalen Mediationsprozesses beherrschen. Auch in dieser Hinsicht sollte er seine Gesprächsautorität für die Konfliktparteien deutlich werden lassen.

Fazit

Eine Mediation mit hochstrittigen Parteien ist möglich. Dazu sind Hintergrundwissen für den Mediator sowie änderungen im Setting und in der Methodik der Mediation notwendig. Doch auch in diesen Fällen kann die Mediation an ihre Grenzen stoßen, wenn nämlich der Erhalt des Konfliktes für die Parteien weiterhin mehr „Sinn“ macht als die Bearbeitung ihres Konfliktes. Hier hilft dem Mediator eine gewisse Demut, dass er eben nicht alle Konflikte lösen kann.

Über den Autor

Heiner Krabbe Heiner Krabbe studierte Psychologie und leitete anschließend viele Jahre die Beratungsstelle Trialog. Seit 1991 ist er als Mediator aktiv. 1996 gründete er zusammen mit Hannelore Diez das Ausbildungsinstitut Mediationswerkstatt Münster. Zudem leitet Herr Krabbe eine psychotherapeutische Praxis. Seine praktischen Arbeitsschwerpunkt umfassen Mediation, mediative Elemente im gerichtlichen Verfahren und den Einsatz von Mediation in unterschiedlichen Konfliktfeldern. In diesen Bereichen ist Heiner Krabbe im deutschsprachigen Raum als Trainer und Dozent tätig.

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